Unser Leitbild in sechs Sätzen
Ein Leitbild kann nicht in einen paar Sätzen erklärt und mit Leben gefüllt werden. Deshalb stellen wir es in den Mittelpunkt unserer sechs Blickpunkt-Ausgaben in diesem Jahr. Im ANgeDACHT werden wir jeweils einen der sechs Leitbildsätze in seinen Deutungsmöglichkeiten entfalten.
#5 Leitbildsatz
Gemeinsam handeln wir verlässlich, im konstruktiven Dialog mit Blick auf das Miteinander und jeden Einzelnen.
Erste Annäherung (Lebenserinnerung)
Es gab da ein Ritual. Jeden Sonntag. Auf Gottesdienst und Frühschoppen für die Jugendlichen und Großen beziehungsweise Kindergottesdienst für die Kinder folgte um 13.15 Uhr das gemeinsame Mittagessen – Brühe mit Einlage als Vorspeise, Braten, Kartoffeln, Gemüse und grüner Blattsalat als Hauptgang, Fürst-Pückler-Eisrolle oder selbst eingemachter Kompott als Nachspeise. Dann setzten wir uns zu fünft, später zu sechst im Schneidersitz im Kreis auf den Wohnzimmerteppich: Familienrat. Es war ein heiliger Moment mit einem Tagesordnungspunkt: was machen wir am Nachmittag? Uns Kinder trieb es in die Ferne: Freilichtgehege Gangelt, Löwenpark Tüddern, Besuch bei Oma Anna und Tante Hetty. Die Eltern waren in der Regel eher häuslich ambitioniert: die Arbeitswoche zweier Berufstätiger war lang, konnte man nicht einfach mal ganz gemütlich zu Hause bleiben? Abends dann Pommes holen? Manchmal kamen auch Verwandten- und Freundesbesuche weiter weg ins Gespräch. Es wurde diskutiert. Es wurde mit Verweis auf das, was die letzten Wochen gemacht worden war und in den nächsten Wochen je und je anstand, reklamiert, warum an diesem Sonntag wirklich nur das folgende wirklich angemessen sei. Wenn alle anfingen, sich zu wiederholen, wurde abgestimmt. Eine heikle Situation für die Eltern. Die waren schließlich zu zweit, wir Kinder aber immer die Mehrheit zu dritt und später dann zu viert. Hinzu kam, dass wir Kinder uns in der Regel schon vorher in einer Art geheimer Teilkonferenz im Groben auf das verständigt hatten, was wir wollten. Andererseits sorgte die älteste Schwester immer auch dafür, mal an die armen Eltern zu denken, dass wir den Bogen nicht überspannen. Sonderregelungen für Einzelpersonen waren nicht die Regel, aber mit guten Gründen auch nicht nur als Ausnahme möglich.
Ich kann mich an keinen Familienrat erinnern, dessen Ergebnis nicht eingehalten wurde.
Liebe Lesende, was sind Ihre Lebenserinnerungen, die Ihnen zu diesem Satz einfallen?
Zweite Annäherung (was ist eigentlich „Konstruktiver Dialog“?)
Ein Konstruktiver Dialog ist kein weißer Schimmel. Schimmel sind per Definition weiß, zumindest dann, wenn man bei Schimmel an Pferde denkt. Das Wörtchen weiß stellt also keinen Mehrwert an Information dar. Ein Dialog hingegen bezeichnet laut Definition lediglich ein Gespräch zwischen zwei oder mehr Personen oder Gruppen. Aber wie dann dieser Dialog abläuft – darüber sagt das reine Wort Dialog nichts aus. Wir kennen das. Es gibt Gespräche, die verlaufen ergebnislos: Man redet aneinander vorbei. Es gibt destruktive Gespräche voller Vorwürfe. Ein konstruktiver Dialog ist anders. Er ist lösungsorientiert, respektvoll und auf Verständigung ausgerichtet. Konstruktive Dialoge sind keine Selbstverständlichkeit. Sie bedürfen der Pflege.
Wie pflegen Sie im beruflichen einen „konstruktiven Dialog“?
Dritte Annäherung: Gemeinsam handeln wir verlässlich, im konstruktiven Dialog mit Blick auf das Miteinander und jeden Einzelnen.
Die allermeisten unserer Mitarbeitenden kennen diese Situation des Abwägens: was ist gut für die Gemeinschaft als Ganze, und wo ist noch einmal eine besondere Sichtweise erlaubt, damit eine Einzelperson mit ihren Bedarfen dadurch nie zu ihrem Recht kommt.
Es gibt da keinen Königsweg. Nicht heute und nicht damals. Auch nicht biblisch.
Immer wieder geht es darum, Spannungsverhältnisse wahrzunehmen, zu benennen, zu gewichten, auszuhalten: zwischen Gruppen- und Einzelinteressen, zwischen Unterstützungsideen und Refinanzierungsmöglichkeiten, zwischen Klienten-Bedarfen und Mitarbeitenden-Möglichkeiten.
Was allerdings beim Blick in die Bibel auffällt, ist, dass diese Grundproblematiken vor 2000 Jahren keine anderen waren als heute. In diesem Bewusstsein werben auch viele dieser alten, großartigen Texte darum,
• erst einmal nachzufragen, was der andere will, bevor ich loslege. („Was willst du, dass ich dir tue?“)
• bei Kritikgesprächen zu überlegen, was der mögliche eigene Anteil an der Sache ist („Was suchst du den Splitter im Auge deines Gegenübers, und übersiehst den Balken in deinem eigenen?“)
• sich klarzumachen, dass wir in der Regel nie alles wissen und kennen („Unser Wissen ist Stückwerk, und darum ist auch unser Handeln Stückwerk“)
• den anderen nicht aus dem Blick zu verlieren, weil man so sehr auf sich selbst guckt („die gekrümmte Frau, die Händler im Tempel“)
• barmherzig und konstruktiv miteinander umzugehen und zu Ergebnissen zu kommen.
Ergebnisse, die verlässlich sind. Kein Geschwurbel und keine Eide brauchen, weil sie klar und ehrlich sind. Wie dann tatsächlich von Jesus überliefert ist, der sagt: „Eure Rede sei ja ja, nein nein;“ (Matthäus 5,37)
